Link verschicken   Drucken
 

5. Das Europa Karls des Großen (768 - 814)

Diese Zeit hat unser Land besonders nachhaltig geprägt. Karl der Große schuf ein europäisches Großreich, das in seiner geographi-schen Ausdehnung an die heutige Europäische Union erinnert: Vom Mittelmeer bis zur Nordsee, vom Atlantik bis hinein in den slawischen Raum – vor allem mit dem Schwert!


Man denke insbesondere an die äußerst blutige Unterwerfung der Sachsen, einschließlich zahlreicher Massentaufen. Die Kirche stand nicht abseits. Karl der Große empfing mit großen Ehren in Paderborn Papst Leo III., der nach einem Attentat aus Rom geflohen war, um bei dem erfolgreichen Feldherrn Schutz zu suchen. Und dieser konnte sich als Hüter des Christentums präsentieren, weshalb ihn im folgenden Jahre 800 der dankbare Papst zum Kaiser krönte. Damit erstrahlte der Glanz Karls des Großen in einem fast unvorstellbaren Ausmaß und er wurde bereits damals in einem Epos der pater europae, der Vater Europas genannt.

 

Doch welches Chaos herrschte im Innern des Riesenreiches, ohne moderne Verkehrswege und Kommunikationsmittel ? Heute kaum vorstellbar, aber es gab damals überörtliche Ver-kehrswege, auf denen wichtige Handelsgüter transportiert wurden (insbesondere Waffen, Glas- und Bundmetallwaren, Keramik, Specksteine, Mühlsteine aus Basalt, Baumaterialien, Fässer aus Tannenholz, Gewürze, Arzneien u.v.m.). Eine der wichtigsten Stra-ßen verlief vom berühmten Haithabu bei Schleswig über Paderborn, Würzburg, Nürnberg, nach Regensburg. Ausgrabungen bei Paderborn haben gezeigt, daß dort die Straße - natürlich nicht überall - geschottert 12 Meter breit war.

 

Fernkaufleute waren überwiegend Fremde, im Süden Venetianer, Levantiner und Juden, im Norden Engländer, Friesen und Skandi-navier. Kaum weiß man, daß das Haupthandelsgut aus dem Nor-den und Osten die "menschliche" Ware war. So verkaufte z.B. der fränkische Adelige Eberhard aus dem Norden des Reiches quer durch Gallien und Spanien im Jahre 822 an den Emir von Cordoba 5000 Sklaven - damals ein einträgliches Geschäft, bis 30 Silber-schillinge für einen Sklaven!

 

Die inneren Stützen des Reiches aber waren vor allem die zahlrei-chen Pfalzen und Königshöfe (26 allein in Ostfranken, darunter aus unserem Bereich Gollhofen, Burgbernheim, Ickelheim - mit dem im Jahre 741 aufgelösten Windsheim - und Riedfeld in Neustadt/ Aisch) sowie die vielen Höfe der großen Grundherren - und nicht zu vergessen: die Klöster! Sie alle waren Kleinzentren des Handels, der Wirtschaft und auch des kulturellen Lebens. Dabei spielte das Handwerk in seinen vielfältigen Formen eine besonders bedeut-same Rolle.

 

Auszug aus den Kapitularien und der Hofgüterordnung Karls des Großen (Capitulare de villis):

„Jeder Amtmann soll in seinem Bezirk tüchtige Handwerker zur Hand haben: Grob -, Gold -, und Silberschmiede, Schuster, Drechsler, Stellmacher, Schildma-cher, Fischer, Falkner, Seifensieder, Brauer - Leute, die Bier, Apfel- und Birnenmost oder andere gute Getränke zu bereiten verstehen - Bäcker, die Semmeln für unseren Hofhalt backen, Netzmacher, die Netze für die Jagd, für Fisch- und Vogelfang zu fertigen wissen und sonstige Dienstleute, deren Aufzählung zu umständlich wäre ... unseren Frauenarbeitshäusern soll man, wie verordnet, zu rechter Zeit, Material liefern, also Flachs, Wolle, Waid, Scharlach, Krapp, Wollkämme, Kardendisteln, Seife, Fett, Gefäße und die übrigen kleinen Dinge, die dort benötigt werden." (Übersetzung nach Franz 1967)

 

Kaufleute und Handwerker gehörten in der Regel zu den Abhängigen des Königs, der Bischöfe und der sonstigen Grundherrn und handelten in deren Auftrag. Die erzielten Überschüsse waren die Grundlage für den ausgedehnten Handel. Im übrigen dienten handwerkliche Fähigkeiten, welche regelmäßig in den einzelnen Siedlungen nicht "hauptamtlich" ausgeübt wurden, im wesentlichen der Eigenversorgung (Textilherstellung, Holz- und Schmiede-arbeiten u.a.).

 

Heute gibt es diese Eigenversorgung kaum noch. Die Weltoffenheit und Globalisierung der Wirtschaft sowie die enorme Reduzierung der bäuerlichen Betriebe schufen eine andere Struktur. Immer nö-tiger wurden Arbeitsplätze vor Ort für viele Alt- und Neusiedler, um das Auspendeln und Abwandern zu stoppen. Dies ist der Gemeinde Ergersheim hervorragend gelungen, obwohl viele Verantwortliche (insbesondere die Regierung von Mittelfranken, das Landwirt-schaftsamt und der Bauernverband) wegen angeblicher Gefähr-dung der dörflichen Struktur anfangs sehr entschieden gerade ge-gen die Ansiedlung der Firma waren, unter deren Dach wir heute feiern.

 

Ich selbst mußte mir den Vorwurf "der Gefährdung des Rechtsstaats" durch den damaligen Regierungsvizepräsidenten gefallen lassen, nur weil ich in dieser Frage Landrat Pfeifer nachdrücklich unterstützte. Die Regierung lenkte dann aber ein und gab so den Ausschlag für die weitere positive Entwicklung der Gemeinde. Nun, auch dies ist schon Geschichte, aber Ergersheim ist heute wirtschaftlich so stark, daß es vom Freistaat Bayern als einzige Gemeinde des Landkreises seit Jahren keine Schlüsselzu-weisungen mehr erhält. Humorvoll möchte ich formulieren:
Gips, Wein und Autospiegel, sind Ergersheimer Gütesiegel !