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8. Ein Traum von bäuerlicher Freiheit oder die Ergersheimer, die Markgrafen und der Kaiser

Die Zeiten des Aufbruchs und der Landnahme gingen auch für die Franken langsam aber sicher vorüber - Hand in Hand mit den immer stärkeren Ausprägungen herrschaftlicher Strukturen auch im ländlichen Raum. Kaiser und Reich, vor allem aber die erstarkenden Territorialherrn unterschiedlichster Prägung, verlangten ihren Tribut, nicht zuletzt für ihre Kriegsunternehmungen und für eine feudalere Lebensführung.

 

Dazu nur ein kleines Beispiel:

 

"Burggraf Fridrich zu Naremberg nimmt die gemeinschafft des Dor-fes Ergersheim in seinen Schutz, der jedes Jahr von beiden Partei-en gekündigt werden kann. Ergersheim zahlt dafür jährlich an Mar-tini 30 Malter Hafer" (Urkunde aus dem Stadtarchiv Rothenburg vom 28. April 1394).

Ähnliche Urkunden gab es später noch viele (insbesondere von den Ansbacher Markgrafen). Aus diesem immer wieder erneuerten Kündigungsrecht folgerte man - logisch zu Recht - die Freiheit von herrschaftlichen Zwängen. Doch wie wir noch sehen werden, die jeweiligen Machtverhältnisse waren stärker!

 

Eine geraume Zeit später kamen die Bauernkriege und man wollte sich nichts mehr gefallen lassen, man forderte u.a.: .

  • Freie Pfarrerwahl und Predigt des lauteren Evangeliums;
  • Aufhebung der Leibeigenschaft;
  • Freie Jagd und Fischfang;
  • Abschaffung willkürlicher Lehensleistungen;
  • Erleichterung der Frondienste;
  • Gerechtigkeit und Unparteilichkeit im Strafverfahren 

 

Im Jahre 1525 wurden auch die Ergersheimer in den großen Bauernaufruhr verwickelt, tauschten in Nürnberg Meßgeräte und Glocken gegen Waffen und zogen mit 20.000 Gleichgesinnten

vom Steigerwald und von der Landwehr über den Ochsenfurter Gau und das damals markgräfliche Kitzingen, Klöster plündernd sowie Burgen und Schlösser schleifend, gen Würzburg.

 

Doch die Niederschlagung des Aufstands kam bald und auch die Strafe des Landesherrn. In ihrer Dorfchronik ist dies wie folgt ver-zeichnet:


"Am dritten Pfingsttage des Jahres 1525 ... brandschatzte Markgraf Kasimir... Ergerßa... um 900 Gulden, auch fing er ihrer 3 und ließ ih-nen die Köpf abschlagen".

Über ein Jahrhundert später träumten die Einwohner von Ergersheim sogar von der Reichs-Unmittelbarkeit und hatten einen Freibrief, was immer der auch wert war.

 

In einer Urkunde aus dem Jahre 1683 aus dem Stadtarchiv Burgbernheim wird dies, neben einer allgemeinen Beschreibung des Ortes, bezeugt:


"Ergersheim ist ein Dorff mit zwey Kirchen.. die eine ödt, Ein Schul und ein Hirtenhauß, Ingleichen auch eine Rossmüel, dann sind noch 85 bewohnte Haußhalten.. Dann seind noch öde pläz alda: 8 Herrschaftl. (= brandenbg.-bayreuth.); 4 Onolzbach, 11 Virnsperg,3 Adel. Seckendorff, 2 Windsheim, 3 Johanniter... Die gesampte Un-terthanen zue Ergersheim haben craft ihres Freyheits-Brieffs macht, zue einem Schutzherrn anzunemen, wen Sie wollen, demselben auch wieder aufzuekünden, und wann die bedungene Zeit aus, einen andern zuerwehlen... Mit dem Kirchweyschutz des Orts hat es gleiche Beschaffenheit ".

 

Die stolzen Bewohner von Ergersheim trauten sich jedoch noch mehr zu (Zitat aus Wilhelm Wenker, Uffenheimer Geschichte und Geschichten, 1.Bd., S. 189; ausführlich dazu Senatspräsident Joh. Weiß, Rudolzhofen, 3.Bd., S. 215 ff. und auszugsweise in der Dorf-chronik S. 106 ff.):


"Was die Einwohner in der neuen Zeit von einer eingebildeten Reichs-Unmittelbarkeit sich haben träumen lassen, dabey diesel-ben sich eines eigenen und nachher auf kaiserlichen Befehl auf-gehobenen Siegels anmaßten, in welchem zwei gegeneinander, auf einem gepflasterten Weg stehende Kirchen und zwischen diesen ein grüner Baum zu sehen war mit der Umschrift: FREJFLECK ERGERSHEJM. Davon findet sich in einem im Jahre 1730 zu Ans-bach durch den Druck bekannt gewordenen Schreiben ausführliche Nachricht unter dem Titel: Gründliche und aktenmäßige Species-Facti in causa der unruhigen Dorfs- und Bauerngemeinde zu Ergersheim contra das Hoch-Fürstl. Hauß Brandenburg-Onolz-bach".

 

Die von den Ergersheimern beim kaiserlichen Reichshofrat in Wien eingereichte Klage führte zu einem Prozeß, der von 1725 - 1744 dauerte. Die heute noch in Wien vorhandenen Akten wurden vom Reichshofrat selbst als Aktenungeheuer bezeichnet, sie stapelten sich vom Boden bis zur Höhe eines Tisches. Der Prozeß aber verlief im Sande, er wurde nie entschieden!

 

Einige Einzelheiten dieses Prozesses sind recht interessant. So wird die Verärgerung der markgräflichen Regierung durch folgende Äußerung anschaulich dokumentiert:

 

"Es ist unerklärlich, wie die Ergersheimer auf die unerhörte Toll-kühnheit verfallen konnten, sich von der bisherigen Landesunter-tänigkeit loszumachen und sich zu einem reichsfreien Flecken zu erklären. Es habe sich auch ein gewinnsüchtiger Rechtsanwalt ge-funden, der seine zwar einfältigen, jedoch durch Bosheit, Halsstar-rigkeit und Ungehorsam sich auszeichnenden Auftraggeber der-gestalt aufgewiegelt habe, daß sie ihm 1725 die Vollmacht gaben, gegen ihren angeborenen und erbgehuldigten Landesherrn eine Klage beim kaiserlichen Reichshofrat einzureichen."

 

Eine kaiserlichen Verfügung vom 20. 3. 1731 an die markgräfliche Regierung in Ansbach besagt, daß der Kaiser (es war übrigens Karl VI., 1685 – 1740) mißfällig habe vernehmen müssen, dass der Markgraf (Carl Wilhelm Friederich, 1729 – 57) "während des Rechtsstreites und entgegen kaiserlichen Ermahnungen und Ver-ordnungen seine Miliz zu Roß und Fuß gewaltsame Einfälle und Tät-lichkeiten in Ergersheim habe vornehmen lassen, auch Einwohner von Ergersheim in Uffenheim gefangen genommen und unzulässi-ge Straf-Einquartierungen durchgeführt habe.

 

"Die Ergersheimer brachten ihre Schriftsätze auf Umwegen nach Wien, weil sie Gewalttätigkeiten der markgräflichen Beamten be-fürchteten. Sie beschwerten sich beim kaiserlichen Reichshofrat und dieser ersuchte die markgräfliche Regierung in Ansbach, den Gesuchsstellern "ihr Gesuch und ihre Reise nach Wien nicht ent-gelten zu lassen und sie weder mit Gefängnis, Geldstrafe oder an-deren Strafen zu belegen."

 

Den Ergersheimern wurde am 25.02.1738 eröffnet, dass sie ihre Steuern binnen acht Tagen zur Vermeidung der Zwangsbeitreibung und der Gefangennahme zu erledigen haben. Nachdem dies nicht geschah, kamen die markgräflichen Beamten mit 50 Land-wehrsoldaten "fielen in die Häuser ein und nahmen daraus Vieh, Betten, Kupfer- und Zinngeräte, die sie zusammen mit den Män-nern nach Uffenheim brachten. Dort wurden die Bauern in Haft ge-nommen und die beschlagnahmten Sachen am nächsten Tag an die Juden verkauft."

 

Immer wieder meinten die Ergersheimer, daß sie übermäßig mit Steuern belastet würden und beschwerten sich erneut beim Kaiser. Sie wollten auch den Schutzherrn wechseln (schon 1731 und 1732), doch der Bischof von Würzburg lehnte ab, weil sie Protestanten waren, und der sogar vom Kaiser bestimmte Bischof von Bamberg sowie der Herzog von Sachsen-Gotha konnten sich gegenüber den Markgrafen nicht durchsetzen. Selbst eine vom Kaiser eingesetzte Vermittlungskommision scheiterte.

 

Dies veranlaßte den Kaiser zu einem persönlichen Schreiben vom 03. September 1739 an den Markgrafen in Ansbach:

 

".... Nachdem sie durch ihren Anwalt erklären ließen, dass in Zukunft und solange der Rechtsstreit anhängig ist, nicht die mindeste Tat, Angriff oder Verhaftung, gegen die klagenden Ergersheimer Gemeindeleute verhängt oder verstattet werden soll, vielmehr daß den uffenheimischen Beamten auf das Nachdrücklichste und Schärfste, allenfalls auch bei Strafe der Entlassung anbefohlen worden sei, sich aller Neuerungen, Tätlichkeiten und Verhaftungen auf das Sorgfältigste zu enthalten, so nehmen wir solche Erklärung und ihre Befolgung hiemit gnädigst an, jedoch in der sicheren Erwartung, dass sie ihrem fürstlichen Wort auch den gehörigen Nachdruck geben und künftig die armen Gemeindeleute zu Ergersheim mit allen unbefugten Gewalttätigkeiten jederzeit verschonen lassen...."

 

In ihrer Dorfchronik sind darüber hinaus viele Urkunden enthalten (insbesondere Schutzbriefe der Markgrafen und Gehorsamserklä-rungen der Ergersheimer), die über Jahrhunderte hinweg ein oft angespanntes Herrschafts-Untertanen-Verhältnis bezeugen.

 

Nun, ich maße mir hierüber kein endgültiges Urteil an, das überlas-se ich lieber den Historikern - doch eines weiß ich aus eigener langjähriger Erfahrung, die Ergersheimer sind wie ihr Wein: herb und erdig, charaktervoll und liebenswert, gerade weil sie nicht immer gleich alles akzeptieren, was ihnen ihr jeweiliger Landesherr vorgibt!

 

Heute wird der mündige Bürger gefordert und die Ergersheimer haben bei der Gebiets- und Schulreform, um nur zwei Beispiele zu nennen, doch recht nachdrücklich bewiesen, dass sie ihr Recht auf Selbstverwaltung gegenüber der staatlichen Organisationsgewalt eindrucksvoll vertreten konnten, auch wenn sie sich nicht immer durchsetzten. Hier werden offenbar Charaktereigenschaften deutlich, die in einem langen Werdegang der Geschichte ihre beson-dere Ausprägung erfahren haben.

 

Übrigens, die älteste Urkunde über den Weinanbau in Ergersheim, die mir bekannt ist, stammt vom 23. Dezember 1265, mit der ein Lupoldus zu Nortemberg dem Augustiner-Frauenkloster in Rothenburg "zu Ehren der hl. Maria und zu seinem und seiner Frau Seelenheil " alle Einkünfte von Gütern und Weinbergen in Ergersheim geschenkt hat. Die älteste Urkunde über den Weinanbau in Main-Franken stammt aus dem Jahre 770 (Kloster Fulda, betr. Münnerstadt). Der in jüngster Zeit in Ergersheim wieder zunehmende Weinanbau darf als ein weiteres Standbein der wirtschaftlichen

Entwicklung betrachtet werden und der Altenberg ist eine gute his-torische Lage, auch wenn das frühere Wahrzeichen, die Altenburg, schon im Jahre 1291 von den Hohenlohern an die Johanniter in Rothenburg verkauft und im Jahre 1381 von den Windsheimern "mit Heeresmacht" zerstört wurde.