Link verschicken   Drucken
 

9. Schwere Zeiten - Vom 30-jährigen Krieg bis zum Dritten Reich

... bei der Landnahme, im Mittelalter, während Reformation und Gegenreformation, im 30-jährigen Krieg, während der napoleonischen Feldzüge und nicht zuletzt in den beiden Weltkriegen - viel könnte und müßte man darüber berichten!


Hier nur ein Beispiel aus dem 30-jährigen Krieg:

 

„1634: Die Kaiserlichen kamen in unser Land und raubten und verwüsteten alles so weit, daß weder Rind noch Pferd, Schweine, Federvieh und dgl. in den Städten und Dörfern übrigblieben. Kein Mensch durfte sich auf dem Land blicken lassen, ihm wurde nach gejagt wie einem Wild. Er wurde ergriffen, unbarmherzig geschlagen, nackt an den heißen Ofen gebunden, aufgehängt, mit Rauch erstickt, mit Wasser und Jauche geträngt, was die Soldaten den Leuten aus Zubern in den Mund schütteten und mit Füßen auf ihren dicken Bäuchen herumsprangen. Dieser barbarische Trunk wurde der "Schwedentrunk" genannt“.

 

Die schlimmste Zeit waren die 30-er Jahre, wo die Gegend bald von den Kaiserlichen, bald von den Schweden heimgesucht wurde. Während z.B. die Truppen Tilly´s 1631 in Windsheim lagen, plünderten die Soldaten die umliegenden Ortschaften aus und branden die Häuser nieder. Dann kam 1632 Gustav Adolf ebenfalls nach Windsheim. Damals war die Lage so, daß sein 40-tausend Mann starkes Heer in den Dörfern der Umgebung nicht mehr den notwendigen Unterhalt finden konnte, weil die Menschen in die nahegelegenen Wälder geflohen waren.
 
Das folgende bekannte Gedicht stammt aus dieser Zeit:


Der Schwede ist komme,
hat alles mitgenomme.
Hat Fenster eingschlage,
hat´s Blei davon trage,
hat Kugeln draus gossen
und die Bauern erschossen.

 

Gleichzeitig wütete die Pest dermaßen, dass allein im Jahre 1636 155 Personen verstarben - und bis zum westfälischen Frieden im Jahre 1648 ist auch am Rande des Steigerwalds noch vieles passiert!

 

Zur Orientierung: Fast ein Jahrhundert verging danach bis zur Zeit des trotzigen Selbstbewußtseins der Ergersheimer (insbesondere in den Jahren 1725 bis 1744), über die bereits berichtet wurde.

Und nun schon der Sprung ins 20. Jahrhundert:


Trotz aller Entwicklung in Wissenschaft und Technik, Kunst und Kultur, sowie der Umgestaltung und Modernisierung praktisch aller Lebensbereiche, hat gerade der Mensch sein Elend besonders gesteigert, vor allem, weil er diese rasante Entwicklung geistig nicht so rasch verkraften konnte. Ich darf nur an das Leid der beiden Weltkriege erinnern und an ihre Kriegerdenkmäler, die mit jedem eingemeißelten Namen auch heute noch in das Leben hineinwirken. Dabei darf man die vielen Opfer bei der Zivilbevölkerung nicht vergessen. Zwei Einzelschicksale sollen dies verdeutlichen:

- Der Seenheimer Müller Guckenberger wurde am 12.4.1945 von einer deutschen Offizierspatroullie vor seiner Mühle nur deshalb standrechtlich erschossen, weil er die weiße Fahne gehißt hatte und ein Wahnsinniger und seine fanatischen Gefolgsleute nach dem Motto handelten: "Deutschland wird siegen oder mit uns untergehen!".

 

Übrigens wurden die beiden Täter 10 Jahre nach Kriegsende ermittelt und vor Gericht gestellt. Das Ergebnis war ein Freispruch mangels Beweises und eine Verurteilung wegen Totschlags und schwerer Brandstiftung zu 3 1/2 Jahren Zuchthaus. Ein zu mildes Urteil? Darüber kann man lange diskutieren. Doch eines möchte ich aus eigener Erfahrung bemerken: Es waren bis weit in die 60-er Jahre hinein noch viele Richter tätig, welche ihre positivistische (d.h. nur vom Gesetz ausgehende!) Erziehung und das tief in den vergangenen Jahrhunderten wurzelnde obrigkeitliche Gehorsamsdenken geistig noch nicht bewältigt hatten.

 

- Der Windsheimer Viehhändler Josef Hirsch wurde als letzter Jude am 20.1.1936 auf dem jüdischen Friedhof in Ermetzhofen beerdigt. Er hatte einen Sohn Max, der im 1. Weltkrieg für Deutschland gefallen ist und einen Sohn Siegfried, der sich 1938 nach Amerika absetzte und von 1941-45 in Afrika und Italien der US-Army im Kampf gegen Deutschland diente.1989 sagte er in New York:
"1934 ist das Leben für mich an der Windsheimer Schule sehr unangenehm geworden. Ich wurde nicht mehr am Unterricht beteiligt und zahlreiche Schüler der Klasse wandten sich von mir ab. Keiner sprach mehr mit mir und die Lehrer taten nichts gegen diesen Mißstand."

 

Seine Schwester Rose wurde zusammen mit 1000 anderen Juden aus unserem Raum von der Gestapo Nürnberg-Fürth 1942 in ein KZ bei Lublin transportiert und dort ermordet.

Schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gab es urkundlich nachweisbar Juden in Ermetzhofen, Ickelheim, Ipsheim, Markt Erl-bach, Welbhausen und vielen anderen Orten. In Uffenheim hat nachweislich bereits im Jahre 1336 eine Judenverfolgung stattge-funden, Schutzbriefe der Markgrafen tolerierten sie dann wieder und meine Mutter erzählte mir, dass sie in den 20-er Jahren mit zahlreichen Juden die Schulbank gedrückt hat.


Doch dann erklärte fast jede Gemeinde stolz, dass sie "judenfrei" sei - und angstvoll hat kaum jemand gefragt, wo sie hingekommen sind. Zur Problematik des "Dritten Reiches" noch einige Hinweise:

Das Wahlergebnis der Wahl des Reichspräsidenten 1932:
Hitler (gegen Hindenburg und Thälmann) 40% im Reich, 85% im Altlandkreis Uffenheim, 95% in Ergersheim (heutiger Gebietsstand).
- Wahrscheinlich auch das Ergebnis der jahrhundertelangen Demütigung und Willkür der Landesherrn und der ersehnte Aufbruch in eine neue Zeit - wenn auch wieder mit einer bitteren Enttäuschung endend!

 

Der Ergersheimer Pfarrerssohn Ludwig Kießling, später langjähriger und tatkräftiger Bürgermeister von Bad Windsheim, sagte wenige Tage nach der Machtergreifung und nach einem Marsch der SA-Stürme Uffenheim, Gollhofen und Ermetzhofen zu den schneidigen Märschen der Musikkapelle Gollhofen in einer Versammlung in Uf-fenheim: "Gott sei Dank, dass er uns den Sieg gegeben hat! Wir müssen weiter kämpfen und dem deutschen Volke die Ziele der nationalsozialistischen Bewegung einhämmern“.

 

War es Begeisterung für eine vaterländische und völkische Idee, aufgestauter Untertanengeist, ideologische Verblendung, der Glaube an vereinfachende Stammtischparolen, der fanatische und verbrecherische Wille einzelner oder die irregeleitete Hoffnung vieler ? Oder das geringe mutige Bekennen - vielleicht alles zusammen ?