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10. Karl der Große und die Europäische Union

Doch zurück zu Karl dem Großen, den "Vater Europas". Er hat z.Zt. der ersten urkundlichen Erwähnung von Ergersheim ein großes Reich geschaffen, "das bis heute die politischen, gesellschaftli-chen, kulturellen und religiösen Strukturen Europas vorgeprägt hat“ (so der Historiker Friedrich Heer im Jahre 1975).

 

Seine Eroberungen erfolgten mit dem Schwert, doch er hat auch bedeutende kulturelle Reformen begonnen - eine einheitliche Schrift (die karolingische Minuskel) eingeführt, die Kunst der frühen

Christen zum Vorbild für höfische Architekten, Buchmaler und Elfenbeinschnitzer gemacht und die Entwicklung von Handel und Handwerk in allen Landesteilen sehr geprägt. Doch sein Reich zerfiel sehr bald in die sich dann entwickelnden europäischen Einzel-staaten mit den vielfältigsten Fürstentümern, die sich gegenseitig im Laufe der Jahrhunderte bekämpften. Machtpolitik beherrschte die Geschichte, auch wenn Kunst und Kultur, Handel und Wandel in Teilbereichen oftmals blühten.

 

Das heutige Europa wurde auch aus Kämpfen und unermeßlichem Leid geboren, doch mit der entscheidenden Erkenntnis, daß nicht Machtpolitik, sondern Recht und gegenseitiges Verständnis die Grundlage des menschlichen und staatlichen Zusammenlebens sein müssen. Dies eröffnete eine große Chance, die zunächst im westlichen Europa realisiert, dann aber auch im östlichen Europa möglich wurde - durch eine friedliche Revolution, die zum Zusammenbruch des Kommunismus führte.

 

Doch große Gebilde zerbrechen leicht, weshalb wir alles tun sollten, um heute drohende Gefahren abzuwenden: Ich meine z.B. die oft unausgewogene Zentralisierung und Überbürokratisierung in der EU. Ein Sprichwort sagt: „Wer zu viele Normen sät, erntet keine Gerechtigkeit!“ – vor allem, wenn man dem dezentralisierten Ei-genleben der einzelnen Regionen zu wenig Raum lässt und deren Gestaltungsfreiräume unangemessen einengt, so wie es gerade die Ergersheimer im Laufe ihrer Geschichte vielfach erlebt haben.

 

Ich meine aber auch die verantwortungsbewußte Gestaltung dieser Freiräume im kommunalen Bereich im Spannungsfeld zwischen repräsentativer Demokratie und bürgerschaftlicher Mitwirkung, wobei die Interessen einzelner und von Minderheiten so weit wie möglich zu beachten sind, letztlich sich aber dem Gemeinwohl unterordnen müssen. Dabei kann eine lebendige Demokratie gerade in einer örtlichen Gemeinschaft nur dann gedeihen, wenn sie von Engagement und gegenseitiger Rücksichtnahme geprägt ist.

 

Hinzu kommt die radikale Globalisierung und Profitmaximierung unserer Wirtschaft. Eine – wie ich meine – nur scheinbare Liberalisierung im Sinne einer Schaffung größerer Freiräume, weil sie zu einseitig erfolgt. Dadurch werden unausgewogene Machtstrukturen geschaffen, die genauso schnell zerbrechen können wie alle Gebilde, die den Menschen in seinem jeweiligen sozialen Gefüge und in seinem Willen zur Eigenverantwortung mißachten.

 

Nur das Verständnis für und die Achtung vor dem Eigenleben der kleinen sozioökonomischen Strukturen, gerade auch in den kleineren Gemeinden, geben uns die Chance, ein wirklich dauerhaftes Europa der Vaterländer zu bauen. Ihre Partnerschaft mit der Gemeinde Ergersheim aus dem Elsaß kann und wird sicherlich dafür ein wesentlicher Baustein sein.

 

In diesem Sinne wünsche ich der gesamten Gemeinde Ergersheim und ihrer elsäßischen Partnergemeinde in einem geeinten Europa, das sich der Freiheit, dem Recht und dem Wohl all seiner Menschen verpflichtet fühlt, für das gerade jetzt erst beginnende Jahrtausend ein kräftiges Blühen, Wachsen und Gedeihen.